Um Verzeihung bitten – und vergeben:
Wären das nicht Themen für die Kirchen?
Dr. Christian Steidl
Es könnte die Stunde der Kirchen sein, die in der Corona-Zeit gespaltene Gesellschaft wieder zu einen und zu versöhnen, denn „Schuld eingestehen und um Verzeihung bitten“, sowie „den Schuldigen vergeben“, sind Grundtugenden des Christentums. In der Katholischen Kirche gibt es dafür sogar das Sakrament der Beichte. Dennoch tun sich die Kirchen damit noch etwas schwer, denn die Bischöfe und Priester müssten auch eigene Fehler einräumen. Dass da alle etwas zurückhaltend sind, ist menschlich verständlich. Daher freuen wir uns schon über zaghafte Ansätze der Selbstkritik. Hier zwei Beispiele aus der katholischen und der evangelischen Kirche:
Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn hatte Palmsonntag 2022 in der ORF-Pressestunde in Bezug auf die Impfkritiker gesagt, „Gott, lass es Hirn regnen“. Am Palmsonntag 2023 erklärte er, dass es im leid tue, denn er habe damit „viele verstimmt, verärgert, enttäuscht und auch verletzt“ (https://www.katholisch.at/aktuelles/143313/schoenborn-gott-lass-es-fuer-uns-alle-genug-hirn-regnen). Zudem sagte Erzbischof Schönborn im Interview 2023, es soll „Hirn für alle regnen“ und Kritik der Kirche an „Gesundheitsmaßnahmen“ der Regierung hält er heute noch für undenkbar. Die Kirchen hätten sich damals verpflichtet, die staatlichen Maßnahmen mitzutragen. Und so gibt er auch heute wieder das aktuelle Narrativ der Regierung wieder, man habe damals auf der Basis des seinerzeits vorhandenen Wissens bestmöglich entschieden. Auf ein „ich bitte um Entschuldigung“ und auf das Versprechen, das nächste Mal den Kritikern besser zuzuhören, müssen die Impfkritiker wohl noch ein wenig warten. Aber vielleicht kommt das ja noch.
Auch bei den Protestanten gibt es kleine zaghafte Ansätze zur kritischen Reflexion. Unter dem Motto „Drei Jahre nach dem Lockdown“ hatte die Evangelische Kirche Darmstadt am 18. März 2023 um 17 Uhr zum Rückblick auf die Corona-Zeit eingeladen. Auf dem Programm standen „Dialog, Dank und Fürbitten“ unter der Leitung von Dekan Dr. Raimand Wirth. Gefordert wurde mehr wissenschaftliche Debatte statt ideologischen Streits, eine offene Fehleranalyse, mehr Selbstverantwortung, eine Unterscheidung zwischen Korrelation und Kausalität sowie ein stärkerer Blick auf Kollateralschäden.
Der Dialog fand nur auf dem Podium statt; Maßnahmenkritiker waren nicht eingeladen. Dennoch gewährten die Aussagen der Podiumsteilnehmer interessante Einblicke in das Seelenleben derer, die mitgemacht hatten. In der Tat wagte man, Kritikpunkte anzusprechen, jedoch nur so weit, wie sie mittlerweile im Mainstream angekommen sind. Das war nicht übermäßig viel. Der erste Vortragende Dr. Martin Zentgraf vom Vorstand des Hessischen Diakonievereins zeigte sich zunächst „dankbar“ für die schnelle Verfügbarkeit der Corona-Impfstoffe, die nach seinem Glauben viele Menschenleben gerettet hätten.
Er stehe erst am Anfang einer „Aufwachphase“, aber immerhin nahm er eine „neue Szene von Gurus“ wahr. Dazu zählte er „Drosten, Kekulé… – und Lauterbach wollte auch mit dabei sein.“ Schließlich konzedierte er , dass die Entscheidung, Schulen und Kindergärten zu schließen, aus heutiger Sicht falsch gewesen sei.
Dr. Annette Laakmann, Leiterin des Hessischen Studienseminars für Gymnasien in Darmstadt verwies auf die gravierenden Folgen der Lockdowns und der daraus resultierenden Verunsicherung vieler junger Menschen. Sie äußerte die Sorge, dass man aus den drei Jahren Pandemie bisher noch zu wenig gelernt habe.
An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, sich hinsichtlich des Meinungskorridors der Podiumsteilnehmer klar zu machen, dass sie alle vom Staat oder von der Kirche bezahlt werden und ihre Geldgeber nicht zu scharf kritisieren dürfen, selbst wenn das ihrer Meinung entsprechen würde. Dies verdeutlichte zum Beispiel das von ihnen verwendete gesellschaftsgängige Vokabular: Alle verblieben in der Sprachregelung von der „Pandemie“.
Karsten Wiegand, Intendant des Städtischen Theaters Darmstadt, kritisierte das ideologisch erzwungene „Wir“ wie auch den Streit um die Frage, ob das Virus vom Fischmarkt oder aus dem Labor gekommen sei. Die dritte Theorie, dass dieses Virus womöglich nur durch den PCR-Test herbeigetestet wurde, erwähnte er nicht. Vielleicht kannte er diese Überlegung nicht. Doch er beklagte die Überreglementierung bei den Pandemiemaßnahmen, die ein negatives Menschenbild offenbart hätten: Die Verantwortlichen schienen die Menschen für unfähig zu halten.
Annette Laakmann warf ein, dass viele Menschen nicht krisenfest genug seien. Die Schule müsse mehr Augenmerk darauf legen, „mündige und starke Menschen“ heranzuziehen. Prof. Jens Schneider sah diese Erziehungsaufgabe eher bei den Familien, denen man diese Verantwortung geben solle. Auch müsse man mehr Kontroversen zulassen.
Während der Veranstaltung hatte das Publikum keine Möglichkeit, Fragen zu stellen. Aber nach den zwei Podiumsrunden, drei Liedern, Vaterunser, Fürbitten und Segen bot sich die Möglichkeit zum Gespräch mit den Referenten in informeller Runde. Ich bedauerte im Austausch mit Frau Laakmann, dass die Menschen die staatlichen Narrative offenbar um so unkritischer geglaubt hätten, je länger sie auf staatlichen Bildungseinrichtungen waren. Und da Frau Laakmann in der evangelischen Kirche aktiv ist und unter anderem analysiert hatte, dass die Gesellschaft noch immer gespalten sei, erzählte ich ihr von einem Vortrag von Pfarrer Michaelis zwei Tage zuvor in Seeheim: Dieser hatte dort erklärt, dass dem Katechismus zufolge die Voraussetzung für Vergebung sei, dass der Sünder Buße tue, umkehre und den Schaden wieder gut mache. Angesichts meiner Ausführung verzog sie zwar ein wenig die Miene, widersprach aber nicht.
Im Gespräch mit Prof. Schneider zeigte ich mich schockiert, dass Herr Zentgraf noch immer glaube, dass die Corona-Impfung zu einer Verringerung der Todesfälle geführt habe. Dazu meinte Prof. Schneider, der in seinem Statement mehr Kompetenz in Sachen Statistik angemahnt hatte, dass man eben noch zu wenig Daten habe, um die Frage einer positiven Impfwirkung abschließend zu klären.
Den Referenten wie auch Dekan Raimund Wirth übergab ich das Flugblatt von „Eltern stehen auf e.V.“ mit den Forderungen zur Aufarbeitung der Coronakrise und zur „Überwindung der Spaltung“. Voraussetzung dafür bleibt, dass auch Maßnahmenkritiker beim Dialog zu Wort kommen. Immerhin könnte die Veranstaltung ein Anfang sein. Dekan Wirth erzählte jedoch leider, dass er künftig andere Themen in den Vordergrund stellen möchte.
Man kann Dekan Wirth nicht verübeln, dass er keine weitere Veranstaltung zum Thema Corona mehr durchführen möchte: Es kamen – trotz breiter Plakatierung in der Stadt – lediglich circa 40 Teilnehmer, die in der großen Stadtpfarrkirche etwas verloren wirkten. Doch gewiss lag die mangelnde Resonanz auch am Podium. Wäre z.B. der Arzt Dr. Gunter Frank mit dabei gewesen, wären sicher mehr Interessenten gekommen. Schließlich wäre auch die stärkere Präsenz von Corona-Maßnahmenkritikern hilfreich gewesen, wenn 20 von ihnen nach der Veranstaltung Dekan Wirth gebeten hätten, eine zweite Podiumsdiskussion unter Einbeziehung von Corona-Maßnahmenkritikern durchzuführen.
